Projekt: Begegnung mit dem Zeitzeugen Alex Deutsch

Begegnung mit dem Zeitzeugen Alex Deutsch


„Ich habe die Rache besiegt!“ - Begegnung mit dem Zeitzeugen Alex Deutsch im Rahmen einer Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft

Ludwigshafen. Der 95-jährige Alex Deutsch berichtet als Zeitzeuge an verschiednen Schulen und bei Veranstaltungen von seinen unmenschlichen Erlebnissen, die er als Jude während des Dritten Reiches im Konzentrationslager Auschwitz durchlebte und wie er die Erbarmungslosigkeit der Nationalsozialisten am eigenen Leib erfuhr.

Am 20.01.2009 besuchte Alex Deutsch Klassen der BOS 1 und 2, der Berufsschule (Fotografen und Zahntechniker) sowie des Technische Gymnasiums des Georg -  Kerschensteiner - Berufsbildungszentrums (BBS Technik 1 und 2) in Ludwigshafen am Rhein. Wir, die Schüler, versammelten uns im englischen Cafe, nicht ahnend, was uns dieser weise und schon im ersten Moment sympathische Mann innerhalb von zwei Stunden alles erzählen würde.

Er wurde in einer jüdischen Familie als jüngstes von acht Kindern geboren. Sein Vater wurde als Soldat in den Ersten Weltkrieg eingezogen und weil die Mutter die Kinder nicht alleine aufziehen konnte, kamen zwei, darunter auch Herr Deutsch, in ein jüdisches Waisenhaus nach Berlin. Als er alt genug war, begann er die vom Waisenhaus zugewiesene Ausbildung als Bäckerlehrling. Er wohnte über der Backstube, arbeitete von morgens bis nachts, ohne Pause, und wurde von seinem Lehrmeister geschlagen. Die Situation der Juden in Deutschland wurde immer schlimmer, wie Herr Deutsch berichtete,  was darin gipfelte, dass er das Verbot erhielt, nicht mehr als Bäcker arbeiten zu dürfen. Für seinen Sohn, den er mit seiner ersten Frau bekam, erhielt er nicht einmal mehr die deutsche Staatsbürgerschaft, auch weder Kleidung noch Essensmarken. Eines Tages ging er aus dem Haus, um seine Zwangsarbeit auf einer Baustelle zu verrichten und kehrte nicht mehr zurück, nachdem er direkt vor Ort verhaftet wurde, um nach Auschwitz deportiert zu werden. Er beschrieb, wie sie sich zusammengepfercht den Waggon mit Toten teilen mussten und nicht wussten, was ihnen an ihrem Zielort widerfahren würde.  


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Seine Schilderungen bis dato waren so ergreifend, dass schon viele von uns zu diesem Zeitpunkt mit den Tränen zu kämpfen hatten. Als der Zug in Auschwitz Birkenau ankam, wurden die Männer, Frauen und Kinder getrennt und es wurde selektiert. Wer arbeitsfähig war, kam in die Arbeitslager, so auch Herr Deutsch, der unter dem grausamen Motto zu arbeiten hatte: „Wer arbeitet, lebt!“ Auch erwähnte er in diesem Zusammenhang, dass es auch andere deutsche Menschen gab, welche die Häftlinge unterstützten, wie auch zu seiner Zeit in Berlin, und ohne deren Hilfe wohl noch viel mehr Leute gestorben wären.

Nachdem er in Auschwitz erfuhr, dass seine Frau und sein zweieinhalbjähriger Sohn in diesem Lager umgekommen waren, sagte er: „Ich fühlte damals nur noch Hass und wollte mich rächen, und nur dafür wollte ich noch leben“. Daraufhin schilderte er uns seine Zeit der Befreiung und, wie er der Racheausübung Nachdruck verlieh, indem er sich eine Waffe kaufte. Doch diese Rache wandelte sich, nachdem für ihn die wahren Täter nicht auszumachen waren und, weil er selbst nicht so grausam werden wollte, wie die, die ihm, seiner Familie und vielen anderen so etwas angetan hatten.

Herr Deutsch erwähnte weiterhin die Heirat mit seiner zweiten und dritten Frau und seine Zeit in Amerika, wo er auf ähnliche Intoleranz stieß, nämlich Vorurteile gegen Schwarze. Alles in allem war es für uns sehr bewegend, diesen Ausführungen zuzuhören, wobei uns im Nachhinein noch unzählige Fragen, die aktuelle Lage betreffend, eingefallen sind.

Wir ziehen den Hut vor solch einem Menschen, der trotz der furchtbaren Erinnerungen an die Nazi-Zeit immer wieder seine Geschichte erzählt, um aufzuzeigen, was Hass und Rassismus auslösen können, und um uns sein Lebensmotto mit auf den Weg zu geben:

„Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen! Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“ 

Julia Brandt   BOS 2, BBS Technik 2